Wie funktioniert das als Paar, als Eltern und /oder als Familie

Hunderte von Fragen:

  • Wo bleibt die Paarzeit, wenn das Kind dauernd zuhause ist?
  • Wie können wir als Paar weiter existieren?
  • Müssen wir uns als Paar aufgeben für unser Kind?
  • Können wir als Eltern immer am selben Strang ziehen?
  • Werden wir uns das Kind nur noch von Hand zu Hand reichen, damit einer auch mal Auszeit hat?
  • Werden wir heillos überfordert sein bei der Betreuung?
  • Werden wir der Rolle als "Lehrer" überhaupt gerecht?
  • Können wir das?
  • Wie treffen wir als Familie immer die richtigen Entscheidungen?
  • Werden wir oft streiten, wenn wir dauernd zusammen sind?

Auch wir haben diese und viele viele mehr Fragen immer und immer wieder gestellt.

Immer wieder Zweifel und Selbstzweifel.


Zweifel vor dem Schritt in die Schulfreiheit sind normal – und sogar hilfreich. Sie zeigen, dass ihr die Verantwortung ernst nehmt. Ziel sollte nicht sein, alle Zweifel zu unterdrücken, sondern herauszufinden, welche auf fehlenden Informationen beruhen und welche auf ein echtes Problem hinweisen.

1. Klärt zuerst euer „Warum“

Schreibt als Eltern getrennt voneinander auf:

  • Warum denken wir über Schulfreiheit nach?
  • Wovor möchten wir unser Kind schützen?
  • Was möchten wir ihm stattdessen ermöglichen?
  • Geht es um eine vorübergehende Schulkrise oder um eine grundsätzliche Überzeugung?
  • Würden wir diesen Weg auch wählen, wenn die aktuelle Schule besser wäre?

Vergleicht anschließend eure Antworten. Ein tragfähiges „Warum“ könnte sein:

„Wir möchten unserem Kind ein selbstbestimmteres Lernen ermöglichen, ohne dabei Bildung, soziale Beziehungen und Zukunftsmöglichkeiten zu vernachlässigen.“

Reine Flucht vor einem einzelnen Konflikt reicht als Grundlage meistens nicht. Mobbing, Überforderung oder gesundheitliche Probleme müssen jedoch ernst genommen und gegebenenfalls auch fachlich begleitet werden.

2. Trennt Ängste von Tatsachen

Erstellt eine gemeinsame Liste:

SorgeWas wissen wir sicher?Was müssen wir klären?
„Unser Kind findet keine Freunde.“Schule ist nicht der einzige soziale Ort.Welche regelmäßigen Kontakte gibt es tatsächlich?
„Wir schaffen den Lernstoff nicht.“Wir müssen nicht jedes Thema selbst beherrschen.Welche Materialien und Unterstützung stehen bereit?
„Wir streiten dann ständig.“Eltern-Kind-Dynamik kann belastet werden.Können wir begleiten, ohne dauernd zu kontrollieren?
„Die Prüfung macht zu viel Druck.“In Österreich gibt es einen jährlichen Nachweis.Wie bereiten sich andere Familien konkret darauf vor?
„Wir verlieren unser Einkommen.“Betreuung und Begleitung benötigen Zeit.Wie verändert sich unser Budget und unsere Arbeitszeit?

Dadurch wird aus einem allgemeinen Unbehagen eine Reihe lösbarer Fragen.

3. Bezieht euer Kind ein – ohne ihm die Verantwortung aufzubürden

Sprecht altersgerecht mit eurem Kind:

  • Wie geht es dir momentan in der Schule?
  • Was gefällt dir und was belastet dich?
  • Wie und wann lernst du besonders gerne?
  • Welche Menschen möchtest du weiterhin regelmäßig sehen?
  • Was stellst du dir unter Lernen außerhalb der Schule vor?
  • Was würdest du vermissen?

Das Kind soll gehört werden, aber nicht allein entscheiden müssen. Die Verantwortung bleibt bei den Erwachsenen.

Achtet nicht nur auf Worte, sondern auch auf Veränderungen bei Schlaf, Bauch- oder Kopfschmerzen, Stimmung, Rückzug, Lernfreude und Selbstvertrauen.

4. Prüft eure Voraussetzungen ehrlich

Für Schulfreiheit braucht ihr nicht zwingend ein Lehramtsstudium. Ihr benötigt aber:

  • ausreichend Zeit und Verlässlichkeit
  • eine finanziell tragfähige Lebensgestaltung
  • Geduld und Konfliktfähigkeit
  • Bereitschaft, euch selbst Wissen zu beschaffen
  • eine anregende Lernumgebung
  • regelmäßige soziale Kontakte für das Kind
  • einen realistischen Umgang mit Lehrplan und Prüfung
  • die Fähigkeit, Verantwortung zu teilen

Eine wichtige Paarfrage lautet:

„Wer übernimmt welche Aufgaben – und was geschieht, wenn einer von uns krank, überlastet oder beruflich verhindert ist?“

Wenn ein Elternteil begeistert ist und der andere nur widerwillig zustimmt, sollte die Entscheidung noch nicht erzwungen werden. Klärt zuerst Erwartungen, Arbeitsaufteilung, Finanzen und Grenzen.

5. Lernt den Alltag kennen, nicht nur die Idee

Sprecht möglichst mit mehreren Familien:

  • einer Familie, die erst begonnen hat
  • einer erfahrenen Familie
  • einer Familie, die zur Schule zurückgekehrt ist
  • Eltern, deren Kind ungefähr gleich alt ist

Fragt nicht nur: „Wie schön ist es?“, sondern auch:

  • Was war schwieriger als erwartet?
  • Wie oft entstehen Lernkonflikte?
  • Wie organisiert ihr soziale Kontakte?
  • Was kostet der Bildungsweg?
  • Wie bereitet ihr die Externistenprüfung vor?
  • Wie viel freie Zeit bleibt den Eltern?
  • Warum sind andere Familien wieder ausgestiegen?

So vermeidet ihr, Schulfreiheit entweder zu romantisieren oder aus Angst vorschnell abzulehnen.

6. Macht einen realistischen Probealltag

Gestaltet während schulfreier Wochen für zwei bis vier Wochen einen möglichen Alltag:

  • gemeinsame Morgenstruktur
  • Zeiten für selbstbestimmte Projekte
  • Lesen, Schreiben und Mathematik im Alltag
  • Bewegung und Natur
  • Treffen mit anderen Kindern
  • Rückzug und freies Spiel
  • Arbeitszeiten der Eltern
  • kurze Dokumentation des Lernens

Es geht nicht darum, Ferien in Schule zu verwandeln. Ihr prüft, ob eure Tagesstruktur, Zusammenarbeit und gegenseitige Nähe funktionieren.

7. Klärt die rechtliche Realität in Österreich

„Schulfreiheit“ ist kein eigener Rechtsbegriff. Während der allgemeinen Schulpflicht wird dieser Weg in Österreich normalerweise als häuslicher Unterricht geführt. Dieser muss dem Unterricht an einer öffentlichen Schule mindestens gleichwertig sein.

Nach den aktuell veröffentlichten Vorgaben gilt unter anderem:

  • Die Teilnahme muss für jedes Schuljahr fristgerecht bei der Bildungsdirektion angezeigt werden.
  • Eltern tragen die Verantwortung für Lern- und Entwicklungsfortschritte.
  • Jährlich sind ein Reflexionsgespräch und eine Externistenprüfung vorgesehen.
  • Die Prüfung umfasst die Pflichtgegenstände der jeweiligen Schulart und Schulstufe.
  • Eine freiwillige Rückkehr an eine Schule ist während des Schuljahres möglich; ein gesicherter Aufnahmeanspruch besteht grundsätzlich nur an der zuständigen Sprengelschule.

Prüft die Bedingungen immer direkt für das betreffende Schuljahr bei eurer Bildungsdirektion. Bundesministerium für Bildung: Häuslicher Unterricht

Das bedeutet: Freies Lernen kann die tägliche Lernweise prägen, aber innerhalb der österreichischen Schulpflicht besteht keine völlige Freiheit von Lehrstoff und Leistungsnachweis.

8. Formuliert vorher Abbruch- und Anpassungskriterien

Die Entscheidung muss kein unumkehrbarer Schwur sein. Vereinbart beispielsweise:

  • Nach drei Monaten machen wir eine ehrliche Zwischenbilanz.
  • Bei dauerhaften familiären Konflikten holen wir Unterstützung.
  • Bei fehlenden Sozialkontakten verändern wir die Wochenstruktur.
  • Wenn unser Kind erkennbar leidet, prüfen wir andere Bildungsformen.
  • Eine Rückkehr in die Schule ist kein Scheitern.

Neben klassischer Schule und häuslichem Unterricht können auch Schulwechsel, alternative Schulen, kleinere Lerngruppen oder andere pädagogische Konzepte infrage kommen.

Eure Entscheidungsfrage

Ihr müsst nicht fragen:

„Können wir unserem Kind zu Hause perfekten Unterricht bieten?“

Hilfreicher ist:

„Können wir gemeinsam eine verlässliche, liebevolle und bildungsreiche Umgebung schaffen, in der unser Kind lernen, Beziehungen pflegen und sich gesund entwickeln kann – und können wir dabei die gesetzlichen Anforderungen erfüllen?“

Wenn beide Eltern diese Frage nach ehrlicher Prüfung grundsätzlich bejahen können, die Aufgaben geklärt sind und das Kind dem Weg offen gegenübersteht, habt ihr eine tragfähige Grundlage. Wenn zentrale Zweifel bei Beziehung, Zeit, Finanzen oder Überforderung bestehen bleiben, ist es sinnvoll, diese zuerst praktisch zu lösen oder mit einem kleineren Veränderungsschritt zu beginnen.